Das Kunstfestival im Spreewald
15. Juni - 21. September 2019

Kunstwerke

Die (heilige) SpreewaldgurkeIn seinem Konzept verbindet Natthapong Samakkaew die alte und die neue Heimat. Sein Geburtsland Thailand beschreibt er als ein Land der Geister und diese wohnen in allen Dingen: in den Menschen, in den Tieren, in den Pflanzen, in den Wolken und den Steinen. Die Buddah-Statuen sind als anbetungswürdige Götzen Bestandteil des religiösen Alltags und der alltäglichen Religion. Als BACK zum ersten mal in den Spreewald kam, konnte er die Allgegenwärtigkeit der Gurke beobachten. Für ihn war die „Anbetung“ eines Gemüses kein Widerspruch zwischen ideellem und materiellem Glauben, sondern eine Bestätigung der Allgegenwärtigkeit guter und böser Geister. Der Buddah in Thailand wird in einer fortlaufenden rituellen Handlung mit Gold überzogen, weil dieses als rein und wertvoll betrachtet wird – der Spreewaldgurke soll Gleiches wiederfahren. Spreeländer und Besucher sind zur Aktion aufgerufen, über den gesamten Zeitraum der aquamediale 13 das Objekt zu vergolden. So wird die Plastik über die Zeit vom realen Abbild zum abstrakten Zeichen – einem Zeichen des Spreelandes und seiner Bewohner, dass in die Welt geht.
Anderweitige Interpretationen seiner Installation nimmt der Künstler mit weiser Gelassenheit und leisem Humor.

ein weites feld oder fontanes grenzenAuf seinen lebenslangen Reisen und Wanderungen überschritt Theodor Fontane zahlreiche deutsche und europäische Grenzen. Grenzen trennen und verbinden zugleich. Die Sprache ist reich an Begriffen, die an Grenzen geknüpft sind: Grenzerfahrung, Grenzverletzung, Grenzgänger, Grenzkonflikt, Grenzfall, Grenzbereich, Grenzverkehr, Grenzausgleich, Grenzsituation etc. Alles merkwürdig flüssige Begriffe, die in der Alltagssprache stets ein „Sowohl als auch“ mit sich führen und im Leben und Denken Theodor Fontanes ihren lebendigen Ausdruck fanden. Die Markierung von Grenzen durch vertikale Grenzpfähle, die in den Landesfarben bemalt sind, ist weltweite Praxis. Der aufrecht stehende Grenzpfahl weist auf die vertikale Verbindung von Himmel und Erde hin, und verkörpert in der konsequenten aufrechten Position auch ein Signal der hoheitlichen Potenz.
Die Grenzpfähle dienen in der Regel der Anbringung von Tafeln, die, gut sichtbar, Hinweise, Gebote und Warnungen tragen. Fontanes aphoristische Texte und philosophischen Randbemerkungen eignen sich ideal als poetische Hinweise, Gebote und Warnungen zu den immer noch aktuellen Fragen der sozialen Koexistenzen. Der Wanderer kann sich gedankenvoll durch den Schilderwald bewegen und mag über die Dialektik zwischen Aphorismen und Nationen senieren. Und ganz aufmerksame Beobachter werden auf zwei Pfähle stoßen, die an die politische Landschaft grenzen.

Bayern (blau-weiß) „Vor Gott sind eigentlich alle Menschen Berliner.“
Baden-Württemberg (schwarz-gelb) „Seit wir die Eisenbahnen haben, laufen die Pferde schlechter.“
Österreich (rot-weiß) „Manche Hähne glauben, dass die Sonne ihretwegen aufgeht.“
Brandenburg, Polen (rot-weiß) „Moral ist gut, Erbschaft ist besser.“
Norddeutscher Bund (schwarz-weiß-rot) „Dem Nationalen haftet immer was Enges an.“
Sachsen (grün-weiß) „Große Zeiten sind immer Zeiten, in denen alles schief geht.“
Jamaica (schwarz-gelb-grün) „Wer keine Liebe hat, der findet auch keine.“
Frankreich (rot-weiß-blau) „Sich angehören ist der einzige begehrenswerte Lebensluxus.“
Preußen (schwarz-weiß) „Sich abschließen heißt sich einmauern und sich einmauern ist Tod.“
Ampel (rot-gelb-grün) „Ohne ein gewisses Quantum an Mumpitz geht es nicht.“
Italien (rot-weiß-grün) „Die Flinte ins Korn schmeißen, dazu ist immer noch Zeit.“
Deutsche Republik (schwarz-rot-gold) „Gegen eine Dummheit, die gerade in Mode ist, kommt keine Klugheit auf.“

Deplatzierung & Tunken In

"Deplatzierung" / Projekt I

„Deplatzierung“ / Projekt I Unbekanntes kann als interessant, überraschend, bereichernd oder auch beängstigend wahrgenommen werden. Je nach Situation, persönlichen Erlebnissen, Lebenserfahrungen kann diese Begegnung sehr unterschiedlich empfunden und erlebt werden. Fremde fallen Heimischen sowie umgekehrt immer auf, sie werden hervorgehoben, besprochen und definiert. Yang Liu untersucht mit Ihrem Projekt ‚Deplatzierung‘ das Gefühl des Fremdseins und versetzt den Betrachter in die Position des Heimischen, des Fremden sowie des Aussenstehenden, sie untersucht das menschliche Empfinden des heimisch-Seins sowie die Konsequenzen für den Einzelnen in einer globalisierten Welt.

„Tunken In“ / Projekt II

Ein Wechselspiel der Sinne mit dem Bekannten und dem Unbekannten. Das Gehör und das Auge nehmen zeitgleich eine andere Welt wahr, oder sie vermischen die Eine mit der Anderen für einen kurzen Moment. Töne einer fremden Welt werden in heimischer Umgebung wahrgenommen, oder heimische Geräusche in einer fremden Umgebung. Die Sehnsucht nach der visuellen Fremde, sowie nach der gewohnten akustischen Umgebung werden beim Passieren der Brücke für nur wenige Sekunden co-exisitieren. Yang Liu‘s zweites Projekt ‚Tunken In‘ hinterfragt die Möglichkeiten des Vermischens der Welten durch Irritation der visuellen und der akustischen Wahrnehmung.

ContemplationNähert sich der Wanderer der Installation von Stefhany Yepes Lozano, so nimmt er Körper unterschiedlicher Form und Farbe war, die – wie Reste antiker Kunst in Griechenland oder Italien – im Grase des Schlossparks Straupitz verstreut liegen. Der Wanderer, speziell der deutsche Wanderer, ist ein rastloser Geselle. Niemals wandert er einfach drauflos, immer hat er ein Ziel und eine Zeit, die ihn antreibt. Nun steht er an den einzelnen Keramikobjekten und versucht, sie langsam umkreisend, einen Sinnzusammenhang zu entdecken. Und plötzlich, aus einem bestimmten Winkel sehend, beginnt er zu verstehen. Erst sieht er einen Kopf, dann Beine und schließlich einen Mann, im Grase ruhend, halb sitzend, halb liegend in Contemplation. Die Ruhe dieses Mannes kommt nun über den Wanderer und er wird zum Betrachter des Betrachters der Natur.
Die Installation lädt ein, eins zu werden im Körper und im Geiste. Die Füße haben Zeit zu ruhen und die Augen Gelegenheit, in Ruhe zu wandern. Der Geist kann baumeln und die Sinne können genießen.
Stefhany Yepes Lozano hat ihre Installation solide gebaut. Die handbemalten Keramikfliesen trotzen der Sonne und dem Regen und laden Kinder und Erwachsene für drei Monate zum Sitzen ein. In dieser Zeit werden sich die Natur und das fremde Objekt miteinander bekannt machen und sich gegenseitig verändern. Der Akt der Contemplation ist ein behutsamer Prozess und verträgt nur eines nicht: Konfrontation.

Fontane und die schöne MelusineIn Fontanes Romanen tauchen Frauenfiguren auf, deren Charakter oder deren Schicksal direkt oder indirekt einen Bezug zu der Sagengestalt der Melusine haben. Die Melusine ist eine Wasserfee, die meist mit Fischoder Schlangenschwanz dargestellt wird. In der Figur der Melusine liegen eindeutig Bezüge zu anderen Wasserwesen, wie Nixen, Meerjungfrauen und Sirenen. In diesen Figuren liegt Zauber, Schönheit, Gefahr und Tod, gleich dem Element des Wassers dem sie zugeordnet sind.
Mythen und Sagen sind Teil unserer Kulturgeschichte, unserer kulturellen Identität und daher eng verknüpft mit dem Begriff der Heimat, unserer kulturellen Heimat. Der Spreewald mit seinen Kanälen hat seine eigenen Geschichten vom Wassermann und seinen Nixen. Die Melusine ist daher auch hier beheimatet.
Die Melusine ist ein übermenschliches Wesen, ihre Farben leuchten, ein wenig giftig und zugleich schön. Die einzelnen Elemente ihres Leibes, ihr Kopf und ihr Schwanz drehen sich auf dem Wasser. Spielerisch, tanzend, immer neue Formationen ergebend. Den Betrachter einladend zu beobachten, inne zu halten, nachzudenken und zu träumen.

Wasserwanderungen I. - Heimat To GoDie Installation „Heimat To Go“ ist Teil der Wasserwanderungen. Heimat zum Mitnehmen. Das Heimatwasser wandert von hier zu den Besuchern. Die Begriffe Wasser und Heimat sind eng miteinander verwoben. Das Wasser, die Flüsse, Seen, die uns umgeben sind Teil unserer Identität – schaffen Heimatgefühl. Es ist das Rauschen der Flüsse, der Geschmack des Leitungswassers und das Glitzern der Bäche, die sich tief in unser Bewußtsein eingegraben haben.
Der einzelne Regentropfen bringt Partikel und Einflüsse von weit her mit sich. Dieses Wasser, das in Straupitz abregnet, wird mit Hilfe des regenbogenfarbenen Trichters eingesammelt. In ganz kleinen Fläschchen abgefüllt, kann diese Erinnerung mitgenommen werden.
All die darin enthaltenen Geschichten und Heimaten wandern weiter.
Der Anglizismus im Titel ist nicht ironisch, sondern humorvoll gedacht. Humor setzt Fantasie frei und lässt die Gedanken laufen. Käme der Kleine Prinz an diesem Trichter vorbei, so finge er ein paar Regentropfen auf und nähme sie mit auf seinen Heimatplaneten B 612. Er gibt sie der Rose zu trinken und die würde sagen „Ah“ und „Nicht übel“ und „Woher?“. Der Kleine Prinz sagt darauf „Erde“, aber der Rose genügt das nicht und fragt „Woraus?“. Und der Kleine Prinz antwortet mit einem verschmitzten Lächeln „Aus dem Spreewald ... aus Spree und aus Wald.“

Wasserwanderungen II. - Heimat Infusion – InklusionStecke den Finger in den Fluss und zeige mir anschließend die Stelle. Niemand kann das. Wasser fließt, Wasser wandert. Katalin Pöge vergleicht in ihrer Installation Wasserwanderung II. „Heimat Infusion – Inklusion“ das Prinzip des Wassers mit dem Begriff der Heimat.
Wasser ist die Voraussetzung für Leben. Wasser riecht und schmeckt sehr unterschiedlich. Wasser kennt keine Grenzen und ist oft eine. Wasser speichert Informationen und ändert seine Strukturen. Wasser hat keine Form und formt doch ganze Landstriche. Wasser bindet und verbindet. Das Prinzip des Wassers ist die Bewegung, der Austausch, die Erneuerung.
Katalin Pöge hat Menschen aus verschiedenen Ländern aufgerufen, ein Wasser ihrer Heimat abzufüllen und in den Spreewald zu schicken. Die Kanister wurden wasserseitig aufgehangen und mit einem Infusionsbesteck versehen. Die fremden Wasser fließen über den Zeitraum der Exposition Tröpchen für Tröpfchen in die Spree und vermischen sich. Der Besucher kann dem Tropfen mit seinen Augen folgen, kann den Klang der freigesetzten Energie beim Aufprall auf die Wasserfläche hören, aber dann wird er niemandem mehr die Stelle zeigen können wo der winzige Tropfen aufgenommen wurde in die Gemeinschaft der Anderen.

Warten auf RegenAls Kind lebte Joo Young Kim in ihrer Heimat Südkorea. Dort ist sie noch nicht ganz weg. Als Erwachsene lebt sie in Deutschland. Hier ist sie noch nicht ganz da. Sie denkt, dass sie keine Heimat hat. Joo fühlt sich wie auf einer einsamen Insel – getrennt vom Wasser, das alles verbindet. Wenn sie ihren Kopf hebt, sieht sie von fern die Wolken nahen, die den Regen bringen. Der Regen kühlt den Kopf, löscht den Durst und wäscht die Sorgen weg. Danach ist alles hell und klar. Aber es regnet nicht immer. Joo Young Kim dreht Keramikgefäße und bemalt sie mit Dingen, die sie aus Südkorea kennt: Pflanzen, Blumen, Tiere. Die gebrannten Gefäße stellt sie auf die Pfähle am Rande ihrer Insel inmitten des Schlosspark Straupitz und nennt ihre Installation „Warten auf Regen“.

TantumMitten im Schlosspark Straupitz, da wo der Wald am dichtesten ist, treffen sich drei alte brandenburger Zeitgenossen. Der eine ist der Schriftsteller Heinrich Theodor Fontane. Er schrieb die „Wanderungem durch die Mark Brandenburg“ und berührte auf seinen Touren auch das Spreeland. Der andere, Herausgeber der Neuruppiner Bilderbogen, ist Gustav Kühn. Fontane ist geboren und aufgewachsen, wo Gustav Kühn gearbeitet hat – in Neuruppin. In Atelier und Druckerei wurden die heute klassischen Geschichten für Jedermann gezeichnet und gedruckt. Es gab viel zu sehen auf den kleinteiligen Bildern und viel zu erfahren in den kurzen Texten. Die Zeitungsjungen warben für die schablonenkolorierten Blätter mit dem Ruf: „Bilderbogen aus Neuruppin, zu haben bei Gustav Kühn!“ Der dritte, Ernst Theodor Amandus Litfaß, erfand die Anschlag-Säule. An diesem „Stadtmöbel“ traf man sich, um die Neuigkeiten der Welt zu erfahren. „Tantum“ – so viel! So viele Formen, so viele Farben.
Den Treff der alten Herren im Wald hat die Zeichnerin Johanna Benz einberufen. Ihre Installation vereint die drei anläßlich des 200-jährigen Jubiläums Fontanes zu einem zeitgemäßen Kunstobjekt: Die Säule des Herrn Litfaß steht eingewachsen im Walde, man muss sich zu ihr durchkämpfen. Die Bilderbogen sind kühn in kräftigen Farben gezeichnet und als Siebdruck in kleiner Auflage gedruckt. Die Originale, mit Tapetenkleister aufgebracht, kann man an der Säule sehen und preiswert kaufen. Johanna Benz hat die unbekanntesten und lustigsten Sprüche Fontanes aufgelesen und grafisch kommentiert. Drei alte Herren sind beeindruckt. Eine Säule steht im Walde, still aber nicht stumm ...

Oh du heiliger SpreewaldgeistEin alter Geisterkahn. Gefunden im Spreewald. Jahrzehnte unter Wasser im Graben von Lübben. Ein Fischerboot war er zuvor. Und Transportmittel. Neu belebt, befördert er nun Geschichten, Wunder, Mythen und Wünsche aus der Gegend übers Wasser, bemalt und bebildert vor Ort. Neun Meter treibendes Holz als wandelndes ExVoto: denn jede/r Vorbeispazierende darf etwas wünschen, danken oder eine ganz spezielle Geschichte loswerden. Hund Jacky bellt über viel Zeit auf dem Trekker mit dem liebsten Herrchen und träumt von einer Tour auf dem neuen grünen Boot, kürzlich mehrmals angetestet im Steinkirchner Hafen. Anette, das Frauchen von Lucky Like, träumte als Kind vom Fliegen, nachdem sie mit drei Jahren aus dem Fenster fiel. Wieder gesundet dankt sie den Ärzten und will nun dringend nach Bulgarien reisen. Und Anne? Sie träumt von Walhaien und Dugongs. Und einem Dokumentarfilm über Menschen, die mit ihrer Kunst bewegen. Ihre Großeltern wollen nichts als Gesundheit. Genauso wie der ältere Herr, der fleißig Wasser aus seinem Kahn schöpft. Und der Sohn von Frau M? Der wünscht sich einen Papa. – Neben all den Wünschen sorgt ein heiliger Gurkenwald im Boot für magische Zauberkraft. Lutki und Plon geben Antrieb, der alte Farn verjagt böse Geister, die Teichkarpfen das Unkraut und ein Kiebitz singt in schönsten Tönen das Universum an. Die Künstlerin malt derweil Schicht für Schicht, erzählt mit den ansässigen Menschen, Tieren und Kähnen, und gibt gleichzeitig kiloweise Wunschkraft mit ins Boot. Ob’s klappt? – Sicher! – Es wird gemunkelt, dass sie Wunderheilerin ist. (So prophezeite ihr es zumindest ein weiser Herr auf einem Heiligen Berg weit weg von den Straupitzer Gewässern.)

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